Holzhausen in alten Tagen | Teil 1

von HOLTHUSON zu HOLZHAUSEN | Teil 1

 

Obwohl die Bauerschaft Holzhausen eine der jüngeren Siedlungen des Osnabrücker Landes ist, verbirgt sich hinter dieser eigentlich wenig verheißenden Feststellung eine recht bedeutsame Geschichte. Benachbarte Bauerschaften wie Malbergen, Oesede, Altenhagen, Natrup und auch Westrup können auf ein wesentlich höheres Alter zurückblicken. Die Gruppensiedlung in Malbergen z. B. dürfte in ihren Ursprüngen schon Jahrtausende vor der Christianisierung entstanden sein. Hier treffen in auffälliger Weise die Ergebnisse der jüngsten Siedlungsforschung zu, die anzeigen, dass - einhergehend mit der jungsteinzeitlichen Kultur (4000 - 2000 v. Chr.) - bereits vor 5000 - 6000 Jahren der früheste Ackerbau auch im Osnabrücker Land stattfand. Die Urhöfe wurden zweckmäßig am halben Hang einer Talflanke, der sog. Ökotopengrenze, angelegt. Auf den Wiesen unterhalb der Höfe weidete das Vieh, auf den oberhalb gelegenen trockeneren Äckern wuchs das Getreide. Ein aufmerksamer Beobachter kann diese Siedlungsweise auch in Westrup erkennen.

Jedoch liegen auch auf dem späteren Holzhauser Gebiet Zeugnisse einer ursprünglichen Besiedlung des hiesigen Raumes vor. Der Grabhügel auf dem Boberg aus der Bronzezeit (2000 - 700 v. Chr.) und das große, über viele Jahrhunderte und mehrere Zeitstufen hinweg belegte Holzhauser Gräberfeld, welches ab 1920 von dem Archäologen Prof. Friedrich Knoke am nördlichen Ortsausgang von Holzhausen ausgegraben wurde und bis in das Ende der frühen Eisenzeit (um 500 v. Chr.) einzuordnen ist, erhärten diese Annahme. Diese Spuren deuten jedoch noch nicht auf das Vorhandensein einer Bevölkerung in Holzhausen hin, sondern stammen wohl von Menschen, die zu Füßen des Bobergs in Westrup lebten. Interessant dürfte in diesem Zusammenhang der Fund einer goldenen Figur des römischen Gottes Merkur sein. Es fragt sich, wie ein solch wertvolles Kleinod vor etwa 1700 Jahren seinen Weg nach Westrup gefunden hat.

Als das seit 800 v. Chr. bestehende Römische Reich um die Zeit der Geburt Christi seinen Höhepunkt erreicht hatte, musste es in zunehmendem Maße auf reichsfremde Söldner zurückgreifen, die häufig auch aus dem rechtsrheinischen Germanien stammten. So ist es durchaus denkbar, dass auch junge, unternehmungsfreudige Männer aus Westrup der Verlockung erlegen waren und in römische Kriegsdienste traten, um hier ihr Glück zu suchen. Wenn sie dann wieder unbeschadet in ihre Heimat zurückgekehrt waren, hatten sie sich neben der offiziellen Entlohnung häufig durch Raub und Plünderungen in römischen Feindgebieten ein kleines Vermögen erworben. Dieser goldene Merkur könnte die Grabbeigabe eines in römischen Diensten gestandenen Legionärs gewesen sein. Aus dem späteren Holzhausen gab es jedoch zu jener Zeit noch niemanden, der zu solchen Unternehmungen hätte aufbrechen können. Dieses Gebiet diente damals wohl immer noch lediglich als Viehtrift von Bauern aus benachbarten Bauerschaften.

Zeitlich näher liegt die Besiedlung durch Sachsen, die seit etwa 500 n. Chr. das Gebiet jenseits der Nordgrenze des merowingischen Frankenreiches durchdrangen. Die Wissenschaft ist sich bis heute noch nicht ganz sicher, ob diese sächsische Einflussnahme als kriegerische Eroberung oder als friedliche Durchdringung der vorhandenen Bevölkerung zu verstehen ist. Auf alle Fälle trafen Germanen auf Germanen. Die Grenze ist in etwa dort, wo auch heute noch Plattdeutsch gesprochen wird. Das weiteste Vordringen nach Süden erfolgte somit etwa bis zu einer Linie von Düsseldorf bis Kassel. Auch das im 5. Jahrhundert von den Römern aufgegebene Britannien wurde in jener Zeit von den verbündeten Sachsen und Angeln erobert. Die sich bildende Herrenschicht wurde dann schon bald als Engländer bezeichnet, die die keltische Vorbevölkerung in Britannien unterworfen hatte. Diese Geschichte bildet den Hintergrund für den Sagenkreis um den keltischen König Artus.

Dieses unruhige Sachsenvolk, mit einer Bevölkerungszahl von schätzungsweise 500.000 in etwa 100 Gauen gegliedert, das von den westlichen Niederlanden bis zur Elbe seine Wohnsitze hatte, war schon lange den Herrschern im immer mächtiger werdenden Frankenreich ein Dorn im Auge gewesen. Aber erst Karl dem Großen (768 - 814) gelang es in einem äußerst blutig geführten – mit Unterbrechungen – 30jährigen Krieg von 774 - 804 die Sachsen endgültig zu unterwerfen und seinem fränkischen Reich einzugliedern. Die eigentlichen Träger des sächsischen Widerstands waren indes unter Führung von wenigen Sachsenedlen wie Widukind die freien sächsischen Bauern gewesen, die Gefahr liefen, neben ihrer persönlichen Freiheit auch einen Großteil ihrer wirtschaftlichen Erzeugnisse als Abgaben an Kirche und Obrigkeit zu verlieren. Das war der Grund für den mit überaus großer Zähigkeit geführten sächsischen Widerstand. Die meisten Edlen des Sachsenvolkes jedoch hatten bis auf wenige Ausnahmen schon beizeiten die Seiten gewechselt, in der Hoffnung als Kollaborateure für geleistete gute Dienste von den späteren Siegern belohnt zu werden. Sie sollen es auch gewesen sein, die den Franken etwa 4000 aufsässige Bauern in Verden an der Aller ans Messer lieferten. Darum sahen sich die Eroberer zur Befriedung des Sachsenlandes genötigt – insbesondere im Bereich Wiehengebirge /Teutoburger Wald (der legendären germanischen Weserfestung) – in jede Bauerschaft eine Kontrollinstanz in Form eines Meierhofes einzusetzen. Da ein Meier zu Holthausen nie erwähnt worden ist, kann mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass es noch keine Bauerschaft Holthausen gab.

Zunächst waren die unterworfenen und gedemütigten Sachsen nach dieser verheerenden Niederlage von einer großen Lähmung erfasst. Jedoch entstanden neben den Meierhöfen – zumeist in deren Schutz – schon bald in einer Reihe von Ortschaften erste Pfarrkirchen, um die – zunächst zwangsweise – Taufe des bisher heidnischen Sachsenvolkes vorantreiben zu können. In unserer engeren Heimat entstanden so neben der zentralen Domkirche in Osnabrück, die ab etwa 783 zum ersten Sitz des Bischofs im neu geschaffenen Bistum Osnabrück wurde, in jedem ehemaligen Sachsengau Taufkirchen. Im hiesigen Threcwithi-Gau wurden schon bald weitere Kirchen errichtet, und zwar in Westerkappeln, in Ostercappeln, in Wallenhorst, in Belm, in Oesede und in Hagen. Im ehemaligen Suderberg-Gau entstanden Kirchen in Laer und Dissen.

Die politische Lage im eroberten Sachsenland war nach dem 30 Jahre währenden Krieg zunächst noch nicht dazu angetan, eine Hoffnung und Zuversicht verbreitende Siedlungstätigkeit in Gang zu setzen. Aber in unserer engeren Heimat hatte einer den langen Krieg wohl gut überdauert, das war der vermutliche ehemalige Sachsenedle Wulvena, der sich in der Gabelung zweier Bäche aus Malbergen ein sicheres und wehrhaftes Versteck geschaffen hatte. Wie die meisten Edlen des Sachsenvolkes hatte auch er sich rechtzeitig den Franken als Kollaborateur angedient. Dafür wurde er nun von den neuen Herren beauftragt, im Gebiet Malbergen, Hagen, Hasbergen und Westrup die neue Ordnung im Sinne der Franken in die Wege zu leiten; dazu gehörte insbesondere die Einführung des bereits seit Jahrhunderten im merowingischen Frankenreich praktizierten Villikationsprinzips, unter welchem nunmehr auch die sächsischen Bauern gezwungen werden sollten, um die geforderten Leistungen und Abgaben an Kirche und Obrigkeit zu erbringen. Er war schon in sächsischer Zeit der Herr der Malstätte, des ursprünglich sowohl religiösen als auch gerichtlichen Zentrums im vorgenannten Gebiet, auf dem Holzhauser Berg gewesen. Diese Malstätte war sogar Namen gebend geworden für die Nachbarbauerschaft Malbergen. Wenig später jedoch, als sein neues Aufgabenfeld zwar nur noch das Amt des Gerichtsherrn umfasste - die Bevölkerung war ja inzwischen weitgehend christianisiert worden – und seine neue Position gefestigt erschien, verlegte er die Malstätte vom Holzhauser Berg in die Nähe seiner Wohnstätte, und zwar in den Bereich des Düteübergangs.

Der eigentliche Herr im westlichen Sachsenland war jedoch ein fränkischer Graf namens Cobbo (der Ältere). König Ludwig der Fromme (814 - 840), der vom Papst in Rom als Nachfolger Karls des Großen auch zum Kaiser gesalbt worden war, war bestrebt, in den neu eroberten Gebieten Klöster einzurichten. Das erste Männerkloster entstand in Corvey an der Weser, dessen erster Abt ein Bruder des Grafen Cobbo mit Namen Warin war. Wenig später erfolgte der Bau eines ersten Frauenklosters in Herford. Die erste Äbtissin stammte ebenfalls aus der Familie des Grafen Cobbo. Diese beiden Klöster wurden großzügig mit einer Reihe von Bauernhöfen ausgestattet, u. a. auch mit Höfen in Hagen, und zwar in Mentrup und Beckerode.

Ludwig der Fromme hatte drei Söhne. In einem Vertrag, geschlossen 843 in Verdun – damals noch mit deutschem Namen Werden genannt -, wurde das Frankenreich in drei Reichsteile geteilt. Lothar I. (843 – 855) erhielt neben der Kaiserwürde das neu geschaffene Königtum über das Mittelreich (Lothringen), hauptsächlich umfassend die linksrheinischen Gebiete von Italien herauf bis in die Niederlande, ein kunstvoll geformtes Staatsgebilde genannt die Kegelbahn. Karl der Kahle (843 – 877) wurde König über das Westreich und Ludwig der Deutsche (843 – 876) erhielt das Königtum über das Ostreich.

Der damalige Bischof von Osnabrück, Gauzbert (847 - 860), hatte das Pech, sich beim Streit der drei Frankenkönige als Anhänger des Kaisers Lothar I. zu bekennen. Als dieser jedoch bereits nach 12jähiger Herrschaft 855 plötzlich in Prüm/Eifel verstarb, wurde als Nachfolger im Kaiseramt sein jüngster Bruder Ludwig der Deutsche gekürt. Eine Schlacht, die kurze Zeit später zwischen den verfeindeten Brüdern im West- und Ostfrankenreich bei Remagen ausgetragen wurde, brachte Ludwig dem Deutschen den Sieg und das Ergebnis, dass das Mittelreich zwischen den beiden Brüdern wiederum geteilt wurde, wobei Ludwig ob des militärischen Sieges den Löwenanteil für sich beanspruchen konnte. Das künftige Herzogtum Lothringen, welches zum Teil von französisch sprechender Bevölkerung bewohnt war, sollte sich Jahrhunderte später bis in die jüngere Vergangenheit hinein als ständiger Zankapfel zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich erweisen. Diese Entscheidung im fränkischen Bürgerkrieg sollte dem Osnabrücker Bischof jedoch allergrößte Nachteile bringen, da der neue Kaiser das eigentlich von seinem Großvater Karl dem Großen bevorzugt ausgestattete Bistum Osnabrück um seine umfangreichen Zehnteinkünfte brachte und diese den von seinem Vater Ludwig dem Frommen gegründeten Klöstern Corvey und Herford zuschanzte. Erst Bischof Benno II. (1068 - 1088) konnte bewirken, dass diese fatale Entscheidung durch – allerdings gefälschte – Urkunden mit Hilfe des ihm freundlich gesonnenen Kaisers Heinrich IV. (1056 - 1106) wieder weitgehend rückgängig gemacht wurden.

Neben diesen inneren Querelen in den damaligen karolingischen Königs- und Kaiserhäusern bereiteten äußere Gefahren den letzten Karolingern allergrößte Schwierigkeiten. Äußere Feinde bedrängten von allen Seiten die beiden Reiche. Von Norden her drangen unaufhaltsam beutelüsterne normannische Gruppierungen mit ihren flachen Booten in die Flüsse, um zu Rauben und zu Plündern. Dabei hatten sie es vornehmlich auf die reich gewordenen Klöster abgesehen. Sogar über Ems und Hase sind Normannenboote bis zur jungen Bischofsstadt Osnabrück vorgedrungen. Die gerade gegründete Hammaburg an der Elbmündung wurde dem Erdboden gleich gemacht. In der Normandie - auf französischem Boden - konnte der schwache König des Westreiches es nicht verhindern, dass Normannen ein eigenes Reich schufen, von dem sie dann 1066 durch die gewonnene Schlacht bei Hastings sogar das englische Königreich erobern konnten. Bis heute sind die Mitglieder des britischen Königshauses Nachfahren dieser Normannen. Von Osten her bedrohten unaufhörlich immer wieder Einfälle slawischer Stämme die Ostgrenze des Reiches an Elbe und Saale. Slawen gelangten so schließlich bis an den Main und bedrohten sogar Bamberg. Schlimmer als Normannen und Slawen erwiesen sich jedoch die Einfälle der Ungarn, die mit ihren schnellen Reiterattacken die schwachen Könige des Ostreichs vor unlösbare Aufgaben stellten.

Endlich – es war das Jahr 918 – hatten die unter den schwachen letzten Karolingerherrschern mächtiger gewordenen Herzöge im Reich ein Einsehen und beendeten im fränkischen Ostreich die althergebrachte Regelung, die eine Erbfolge nur im Karolingergeschlecht vorsah. Sie wählten – abweichend von der generationenlang geübten Praxis – den Herzog von Sachsen, jenes Stammes, der erst vor 100 Jahren mit allergrößter Mühe in das Frankenreich hat eingegliedert werden können. Mit diesem Herzog von Sachsen, König Heinrich I. (919 -936), beginnt die eigentliche Geschichte des deutschen Reiches. Dieser erste deutsche König, der nicht die Kaiserwürde anstrebte, war mit seiner Tatkraft ein ausgesprochener Glücksfall für das ganze deutsche Land. Ihm gelang es schon bald, die Normannen- und Slaweneinfälle zu unterbinden und die großen Missstände im Reich zu ordnen. Noch besser wurde es unter der Herrschaft seines Sohnes und Nachfolgers, des Königs Otto I. (936 - 973), der in mehreren entscheidenden Schlachten die damals größte Geißel Deutschlands, die Ungarn, besiegen konnte. Entscheidend war 955 die legendäre Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg, wo der später heilig gesprochene Bischof Ulrich tatkräftigen Anteil am vernichtenden Sieg des deutschen Heeres über die Ungarn hatte. So war es nicht verwunderlich, dass König Otto, der vom Papst zum Kaiser gesalbt wurde, wegen seiner großen Taten schon bald den ehrenden Beinamen „der Große“ erhielt.

 

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